Filmkritik zu Muxmaeuschenstill
Überzeugter Sozialist räumt in Berlin kräftig auf
In diesem Film geht es um ein Problem, welches immer ein aktuelles Thema ist, egal ob Deutschland, Amerika oder Südafrika. Kriminalität und Verbrechen.
Am Anfang des Films beschreibt Mux sich selber und seine Vorgehensweise sowie seine Ziele in der Verbrecherjagd. Er will der Gesellschaft Ideale und Verantwortungsbewusstsein zurückbringen und jedes Vergehen mit pädagogischen Maßnahmen bestrafen! Die Täter sollen es ja nie wieder tun!
Der selbsterklärte Weltverbesserer zieht durch die Straßen von Berlin und der Brandenburgischen Umgebung auf der Jagd nach Schwarzfahrern, Rasern und auch Kapitalverbrechern. Seriös mit einem Anzug bekleidet, darunter eine Pistole im Schulterhalfter und so den Eindruck eines Polizisten erweckend, verhängt er erzieherische Maßnahmen.
Es wird übrigens in dem Film nie geklärt, ob Mux einen Waffenschein hat oder dazu befugt ist, eine Waffe zu tragen, aber das ist egal, Mux bedroht weiterhin das Leben von Rentnern mit der Pistole, nur weil sie ihren Hund auf den Bürgersteig scheißen ließen.
Der Raser darf sein Lenkrad abschrauben, welches den Weg in den Kofferraum von Mux findet, wo schon viele Brüder auf es warten. Nur so wird der Missetäter lernen, nicht mehr zu schnell zu fahren. Er kann es vorerst nämlich nicht mehr. Bei Sexualdelikten wird Mux auch mal brutal, schlägt dem Kinderschänder die Nase blutig, alles mit dem Ziel die Welt oder zumindest erst einmal Deutschland zu verbessern. Mux ist kein Held. Michael Schumacher ist ein Held. Der kann nämlich schnell um die Kurven fahren und zahlt keine Steuern. Jedes Land hat eben die Helden, die es verdient. Deutschland ist ein armes Land, dagegen kämpft Mux an. "Verantwortung übernehmen", heißt sein Leitmotiv.
Damit fängt er im Kleinen an. Er stellt den arbeitslosen Gerd (Fritz Roth) ein, der ihn ein bisschen an seinen toten Hund erinnert. Gerd kann nichts. Gerd sieht nichts. Gerd hört nichts. Aber das macht er gründlich. Gerd ist treu. Gerd ist brutal. Gerd ist deutsch, aber dank Mux wenigstens nicht mehr langzeitarbeitslos. Gerd wird Mux' rechte Hand, hat vor allem die Aufgabe alle überführten Straftäter auf Video zu dokumentieren, wo sie mit Namen und den verletzten Paragraphen des Strafgesetzbuches oder der Nebengesetze in Mux' umfangreichem Archiv landen. Sechzig Straftäter überführt Mux so in der Woche, mit Gerd zusammen werden es nun mehr.
Diese Videoregistratur durch Gerd verleiht dem Film seinen fast dokumentarischen Look. Oft wechselt Regiedebütant Marcus Mittermeier auf jene Digitalkamera von Gerd und der Zuschauer sieht die gleichen wackligen Bilder, die Gerd im Sucher sieht. So bekommt man bisweilen sogar den Eindruck, dass man hier wirklich einen Dokumentarfilm anschaut. So wie die Beiden durch Berlin ziehen oder bei realen Geschehnissen wie dem Hochwasser 2002 ihre "Arbeit" verrichten, sieht das teilweise aus als hätte Mittermeier echte Szenen gefilmt. Ein gutes Beispiel sind die Straßenbahnkontrollen von Mux. Natürlich hat nichts von dem wirklich stattgefunden, alles ist mit Laiendarstellern inszeniert worden, aber der Aussage des Films nützt die scheinbare Echtheit. Diese wird vor allem auch dadurch verstärkt, dass man sich nicht groß mit dem Warten auf irgendwelche Drehgenehmigungen herumgeplagt hat, sondern einfach in der Hauptstadt drauflos gedreht hat.
Mux ist eine Person, die dem Zuschauer fast sogar sympathisch wird. Natürlich reagiert Mux bisweilen etwas überzogen, aber da klingen zu Beginn Ideale durch, die teilweise gar nicht so verkehrt sind. Mux ist ja nicht nur der Law-and-Order-Man, der Wiederholungstäter, die "Gift für seine Statistik" sind, auch mal mit dem Kopf in die Scheiße drückt, Mux will wirklich die Menschen dazu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Er holt den arbeitlosen Gerd von der Straße, animiert ihn dazu seine fette Plautze abzutrainieren und baut später im Film sogar eine ganze Firma voller Mitarbeiter, "Muxianer", auf. Dass Mux auch was bewirkt, zeigt sich als ihm einmal eine Frau gratuliert. Die alte Dame wohnt in türkischer Nachbarschaft. Früher hat sie ihre Nachbarn gehasst und ihnen Hundekot unter der Tür durchgeschoben, um sie zu drangsalieren. Heute arbeitet sie ehrenamtlich in einem kurdischen Kindergarten, dank Mux.
Doch dann gibt es die andere Seite von Mux. Die weist sehr stark psychopathische Züge auf. Er geht in der Wahl seiner Mittel zu weit und ist nicht fähig zur Selbstkritik. Als ein Sprayer von ihm erwischt wird, bekommt dieser als "erzieherische Maßnahme" mit der Spraydose ins Gesicht gesprüht. Der daraufhin blinde Sprayer torkelt beim Fluchtversuch vor eine S-Bahn, was seinen Tod zur Folge hat. Für einen kurzen Moment hält Mux inne, im Unterbewusstsein scheint etwas zu reagieren. Für einen kurzen Moment scheint Mux seine Schuld zu bemerken. Doch dann ist er wieder der Alte. Die S-Bahn sei deutlich zu schnell gefahren, hier seien ja nur fünfunddreißig erlaubt. Deswegen konnte der Sprayer die Bahn gar nicht kommen sehen. Dass der Sprayer auch eine langsamere Bahn nicht mehr hätte kommen sehen können, weil er durch die "erzieherische Maßnahme" blind war, hat Mux da schon verdrängt.
Die zwei Gesichter von Mux werden vor allem hervorragend verkörpert von Jan Henrik Stahlberg, der auch das Drehbuch beisteuerte. Er sticht aus der hervorragenden Schauspielerriege, die sich nur aus Laiendarstellern und Schauspielern, die bisher eher kleine Rollen in TV-Filmen oder -Serien hatten, zusammensetzt, noch einmal hervor.
Zutage treten Mux' psychopathische Züge als er die junge, hübsche Kellnerin Kira (Wanda Perdelwitz), sein Mäuschen, kennen lernt. Gegenseitig sind sie jeder auf eine andere Art fasziniert voneinander. Mux sieht in Kira eine junge lebenslustige und lebensbejahende Frau (was sie auch ist), die sich von all dem Elend um sie herum nicht hat verderben lassen und immer noch glaubt, dass die Welt gut sei (was Kira bestreitet, aber Mux interessiert das nicht). Er möchte ihr Ritter sein, sie soll seine Muse sein. Kira fühlt sich zu Beginn geschmeichelt, erwidert sogar Mux' Zuneigung, wäre trotz des Altersunterschiedes in einer Szene vielleicht sogar zum Sex bereit, wozu es Mux aber nicht kommen lassen will, da dies "viel zwischen beiden zerstören könnte".
Er behandelt sie teilweise auch so, als wäre sie ein kleines Kind oder "befiehlt" ihr etwas, ohne sie nach ihrer eigenen Meinung zu fragen. Er sei ihr Mann des Lebens und das müsste sie jetzt akzeptieren. Soviel zu Mux' Meinung in Sachen Emanzipation.
Das Mäuschen verwandelt sich in eine Ratte
Doch nach und nach wird ihr Mux' Obsession zu viel. Wenn sie ihn in Berlin besuchen will, dann wandelt sich Mux' Bild von ihr. Denn seine Muse, sein reines Mäuschen Kira will plötzlich in einer Technodisko aufreizend tanzen, anstelle eines Antonioni-Videoabends mit Mux und Gerd. Wie soll Ritter Mux sie aber an einem solchen Ort beschützen? Kira will gar nicht von ihm beschützt werden, muss er erfahren. Zum ersten Mal wird Mux' Bild erschüttert. Die Folgen sind klar: Plötzlich rücken deutlich mehr Sexualstraftäter als Schwarzfahrer in den Mittelpunkt von Mux' Treiben. Noch in derselben Nacht wird ein Vergewaltiger gestellt. Fast so als könnte Mux damit nun Kira beschützen.
Daneben rechnet Mux und damit auch der Film vor allem mit der Gesellschaft ab. In Deutschland wird ein Mann verehrt, der nur schnell um Kurven fahren kann und vor den Steuern ins Ausland flüchtet. Nebenher schreitet die Volksverblödelung schon so weit voran, dass das x-te Buch von Dieter Bohlen wieder auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Das Fernsehen zeigt nur noch Abschaum und ist der Wegbereiter für das Übel, welches Mux bekämpfen will. In zwei Zappingsequenzen wird dies verdeutlicht. In einer schaltet Kira, gelangweilt auf dem Bett liegend, durch das Programm von Talkshow zu Talkshow, von Schwachsinn zu Schwachsinn. Mux kann sie zum Ausschalten bewegen. Den filmischen Höhepunkt stellt die zweite Szene dieser Art da. Wieder ein Zapping durch die TV-Landschaft, von Kerner, über Raab bis hin zu den Tagesthemen mit Ulrich Wickert. Die Szenen vermitteln durch den geschickten Zusammenschnitt alle den Eindruck, als wäre Mux der Stargast der Sendungen, mit Wickert führt er sogar ein Interview (was natürlich nie stattfand). Nichts was man sieht ist echt, weder die Talkshows im Fernsehen, noch die Interviews mit Mux im Film.
Der Film ist ironisch und sarkastisch, er bringt den Zuschauer vor allem zu Beginn auch zum Lachen, doch ein solches Lachen bleibt dem Zuschauer schnell im Hals stecken.
"Wenn ich Recht habe, dann können sich alle Roland Kochs, Dieter Bohlens, Stefan Raabs, all die Auslaufmodelle dieser Republik, warm anziehen!" sagt Mux am Ende des Films. Das stimmt, doch dazu auchen wir keinen Mux. Mux hat nämlich nicht nur psychopathische, sondern auch faschistische Züge. Als seine Firma expandiert hat, und einer seiner Mitarbeiter ihm den neuen Internettrailer vorstellt, dann wird mit der Macht des Mittels Film die Gesellschaft dazu aufgefordert, auch ein Muxianer zu werden, d.h. die Nachbarn zu bespitzeln und zu denunzieren. Wobei Mux das Wort "denunzieren" nicht hören will. Es meint zwar das Richtige, aber so hat es einen schalen Beigeschmack. Deswegen bekommt sein Webauftritt auch nicht die Adresse denunziant.com, sondern informant.com. Für Mux ist beides dasselbe.
Mittermeiers gerade mal 40.000 € teurer Film (schon am Eröffnungswochenende hat er ein vielfaches der Kosten eingespielt) zeigt zwar, dass vieles von Mux wahr ist. Die "Gesellschaft, in der wir unsere Ideale verloren haben", existiert, sie ist allgegenwärtig. Moralische Wertvorstellungen werden herabgeschraubt und vor zwanzig Jahren hätten sicher weniger die Rhein-Metall-Aktie gekauft, wenn herausgekommen wäre, dass die Firma mit Tretminen in Afghanistan Geld verdient. Heute steht der Profit im Vordergrund. Aber brauchen wir dazu einen Mux? Nein, ein bisschen Mux in jedem von uns würde genügen.
Der größte Fehltritt des weißen Ritters
Damit das auch jeder versteht, dass Mux nicht frei von Fehlern ist, machen Regisseur Mittermeier und Drehbuchautor Stahlberg ihren Mux auch zu einem Verbrecher. Als er mitbekommt wie Kira in einer dunklen Ecke des Rummels einem anderen Mann einen bläst, bricht seine Welt zusammen. Aus dem Engel ist für Mux eine Hure geworden. Unvermittelt schlägt es beim nächsten gemeinsamen Spaziergang der beiden über den Zuschauer herein. Sie lassen sich am See auf einer Parkbank nieder, die Wiese ist grün, die Sonne scheint, Kira kuschelt sich an die Schulter von Mux. Der zieht eine Pistole und jagt ihr eine Kugel durch den Kopf.
Mux denkt in den ersten Sekunden an Selbstmord, doch fängt sich dann wieder. Doch er hat an dem Tod seiner einzigen Liebe hart zu kämpfen.
Mux begräbt Kira in einem blauen Plastiksack außerhalb von Berlin in einer lebensfremden Sanddüne mit der Hilfe von Gerd. Das zeigt mal wieder Gerds Unfähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Er macht alles, was sein Chef befiehlt, egal ob es moralisch oder Totschlag ist. Hauptsache, er behält seinen Job, denn "in der Probezeit sitzt der Euro nicht sehr locker".
Figuren
"Mux ist ein junger Mann Anfang dreißig, der gerne große Denker zitiert und sich selbst auch für einen hält: für einen Idealisten, einen revolutionären Aufklärer in schwerer Zeit. Mux sieht die Welt als geschlossenes System, als ein Ganzes, in welche er alle anderen einordnet - zur Not auch mit Waffengewalt. Damit die Welt besser wird. Mux wird immer allein sein in seinem Kampf; aber man darf sich ihn nicht einsam vorstellen, denn er fühlt sich wohl in seiner Haut: Er ist gerecht. An seinem Wesen wird die Welt genesen. Davon ist er jedenfalls überzeugt. Und wäre er uns nicht so unheimlich, würde es uns in seiner Gegenwart nicht so kalt den Rücken herunterlaufen - Mux könnte uns fast sympathisch werden.
Gerd hat im Überlebenskampf schlechte Karten, eigentlich gar keine. Gerd ist der Inbegriff eines Menschen, der es in seinem Leben zu nichts geacht hat. Deswegen hat er sich auch eine Blockwartmentalität zugelegt, die beim Zuschauer ein Gefühl zwischen Mitleid und Ekel auslöst. Gerd ist eigentlich ein harmloser, herzensguter Mensch. Aber jetzt will er Karriere machen. Von Mux' Ideen versteht er wenig, um nicht zu sagen gar nichts. Gerd ist der Archetyp des Mitläufers: Er wird immer behaupten können, er habe von nichts gewusst. Seine Naivität hätte vielleicht sogar etwas Rührendes - wären da nicht seine Abgestumpftheit, mit der er sämtliche Befehle ausführt, und seine utalität, mit der er die Tritte nach unten weiter reicht.
Kira ist Serviererin in einem Gasthof, in dem sie eines Tages auf Mux trifft. Er versucht, sie zu überzeugen, dass er der Mann ihres Lebens ist - denn er sieht in ihr eine Ikone des Guten, Reinen und Schönen, seine holde Muse, die Sonne seines Systems: Kira ist für Mux sein Mäuschen; er möchte ihr Ritter sein, zu dem sie aufblicken kann. Doch wer hat sie je gefragt, ob sie überhaupt für jemand anderes eine Sonne sein oder zu einem Ritter aufblicken möchte? Anfangs fühlt sie sich noch geschmeichelt und amüsiert, dann ist sie zunehmend verwirrt - aber das mag Mux umso mehr." Quelle: www.mux-braucht-dich.de
Schauspieler
Jan Henrik Stahlberg ist für diese Rolle wie geschaffen, denn, außer das er das Drehbuch zum Film beisteuert, ingt er Mux äußerst realitätsnah herüber. Wie er pädagogische Maßnahmen verübt und wie er Gerd vor dem Täter dessen Psyche erklären zu versucht - einfach köstlich!
Fritz Roth hat ebenfalls eine Spitzenleistung abgegeben. Er wurde nicht ohne Grund für die Kategorie "Bester Nebendarsteller" beim Deutschen Filmpreis 2004 nominiert. Um Gerd darzustellen, muss man seine Artikulierungsfähigkeit enorm herunterschrauben und auch ständig bedeppert dreinschauen. Das hat Fritz Roth mit avour gemeistert.
p
In diesem Film geht es um ein Problem, welches immer ein aktuelles Thema ist, egal ob Deutschland, Amerika oder Südafrika. Kriminalität und Verbrechen.
Am Anfang des Films beschreibt Mux sich selber und seine Vorgehensweise sowie seine Ziele in der Verbrecherjagd. Er will der Gesellschaft Ideale und Verantwortungsbewusstsein zurückbringen und jedes Vergehen mit pädagogischen Maßnahmen bestrafen! Die Täter sollen es ja nie wieder tun!
Der selbsterklärte Weltverbesserer zieht durch die Straßen von Berlin und der Brandenburgischen Umgebung auf der Jagd nach Schwarzfahrern, Rasern und auch Kapitalverbrechern. Seriös mit einem Anzug bekleidet, darunter eine Pistole im Schulterhalfter und so den Eindruck eines Polizisten erweckend, verhängt er erzieherische Maßnahmen.
Es wird übrigens in dem Film nie geklärt, ob Mux einen Waffenschein hat oder dazu befugt ist, eine Waffe zu tragen, aber das ist egal, Mux bedroht weiterhin das Leben von Rentnern mit der Pistole, nur weil sie ihren Hund auf den Bürgersteig scheißen ließen.
Der Raser darf sein Lenkrad abschrauben, welches den Weg in den Kofferraum von Mux findet, wo schon viele Brüder auf es warten. Nur so wird der Missetäter lernen, nicht mehr zu schnell zu fahren. Er kann es vorerst nämlich nicht mehr. Bei Sexualdelikten wird Mux auch mal brutal, schlägt dem Kinderschänder die Nase blutig, alles mit dem Ziel die Welt oder zumindest erst einmal Deutschland zu verbessern. Mux ist kein Held. Michael Schumacher ist ein Held. Der kann nämlich schnell um die Kurven fahren und zahlt keine Steuern. Jedes Land hat eben die Helden, die es verdient. Deutschland ist ein armes Land, dagegen kämpft Mux an. "Verantwortung übernehmen", heißt sein Leitmotiv.
Damit fängt er im Kleinen an. Er stellt den arbeitslosen Gerd (Fritz Roth) ein, der ihn ein bisschen an seinen toten Hund erinnert. Gerd kann nichts. Gerd sieht nichts. Gerd hört nichts. Aber das macht er gründlich. Gerd ist treu. Gerd ist brutal. Gerd ist deutsch, aber dank Mux wenigstens nicht mehr langzeitarbeitslos. Gerd wird Mux' rechte Hand, hat vor allem die Aufgabe alle überführten Straftäter auf Video zu dokumentieren, wo sie mit Namen und den verletzten Paragraphen des Strafgesetzbuches oder der Nebengesetze in Mux' umfangreichem Archiv landen. Sechzig Straftäter überführt Mux so in der Woche, mit Gerd zusammen werden es nun mehr.
Diese Videoregistratur durch Gerd verleiht dem Film seinen fast dokumentarischen Look. Oft wechselt Regiedebütant Marcus Mittermeier auf jene Digitalkamera von Gerd und der Zuschauer sieht die gleichen wackligen Bilder, die Gerd im Sucher sieht. So bekommt man bisweilen sogar den Eindruck, dass man hier wirklich einen Dokumentarfilm anschaut. So wie die Beiden durch Berlin ziehen oder bei realen Geschehnissen wie dem Hochwasser 2002 ihre "Arbeit" verrichten, sieht das teilweise aus als hätte Mittermeier echte Szenen gefilmt. Ein gutes Beispiel sind die Straßenbahnkontrollen von Mux. Natürlich hat nichts von dem wirklich stattgefunden, alles ist mit Laiendarstellern inszeniert worden, aber der Aussage des Films nützt die scheinbare Echtheit. Diese wird vor allem auch dadurch verstärkt, dass man sich nicht groß mit dem Warten auf irgendwelche Drehgenehmigungen herumgeplagt hat, sondern einfach in der Hauptstadt drauflos gedreht hat.
Mux ist eine Person, die dem Zuschauer fast sogar sympathisch wird. Natürlich reagiert Mux bisweilen etwas überzogen, aber da klingen zu Beginn Ideale durch, die teilweise gar nicht so verkehrt sind. Mux ist ja nicht nur der Law-and-Order-Man, der Wiederholungstäter, die "Gift für seine Statistik" sind, auch mal mit dem Kopf in die Scheiße drückt, Mux will wirklich die Menschen dazu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Er holt den arbeitlosen Gerd von der Straße, animiert ihn dazu seine fette Plautze abzutrainieren und baut später im Film sogar eine ganze Firma voller Mitarbeiter, "Muxianer", auf. Dass Mux auch was bewirkt, zeigt sich als ihm einmal eine Frau gratuliert. Die alte Dame wohnt in türkischer Nachbarschaft. Früher hat sie ihre Nachbarn gehasst und ihnen Hundekot unter der Tür durchgeschoben, um sie zu drangsalieren. Heute arbeitet sie ehrenamtlich in einem kurdischen Kindergarten, dank Mux.
Doch dann gibt es die andere Seite von Mux. Die weist sehr stark psychopathische Züge auf. Er geht in der Wahl seiner Mittel zu weit und ist nicht fähig zur Selbstkritik. Als ein Sprayer von ihm erwischt wird, bekommt dieser als "erzieherische Maßnahme" mit der Spraydose ins Gesicht gesprüht. Der daraufhin blinde Sprayer torkelt beim Fluchtversuch vor eine S-Bahn, was seinen Tod zur Folge hat. Für einen kurzen Moment hält Mux inne, im Unterbewusstsein scheint etwas zu reagieren. Für einen kurzen Moment scheint Mux seine Schuld zu bemerken. Doch dann ist er wieder der Alte. Die S-Bahn sei deutlich zu schnell gefahren, hier seien ja nur fünfunddreißig erlaubt. Deswegen konnte der Sprayer die Bahn gar nicht kommen sehen. Dass der Sprayer auch eine langsamere Bahn nicht mehr hätte kommen sehen können, weil er durch die "erzieherische Maßnahme" blind war, hat Mux da schon verdrängt.
Die zwei Gesichter von Mux werden vor allem hervorragend verkörpert von Jan Henrik Stahlberg, der auch das Drehbuch beisteuerte. Er sticht aus der hervorragenden Schauspielerriege, die sich nur aus Laiendarstellern und Schauspielern, die bisher eher kleine Rollen in TV-Filmen oder -Serien hatten, zusammensetzt, noch einmal hervor.
Zutage treten Mux' psychopathische Züge als er die junge, hübsche Kellnerin Kira (Wanda Perdelwitz), sein Mäuschen, kennen lernt. Gegenseitig sind sie jeder auf eine andere Art fasziniert voneinander. Mux sieht in Kira eine junge lebenslustige und lebensbejahende Frau (was sie auch ist), die sich von all dem Elend um sie herum nicht hat verderben lassen und immer noch glaubt, dass die Welt gut sei (was Kira bestreitet, aber Mux interessiert das nicht). Er möchte ihr Ritter sein, sie soll seine Muse sein. Kira fühlt sich zu Beginn geschmeichelt, erwidert sogar Mux' Zuneigung, wäre trotz des Altersunterschiedes in einer Szene vielleicht sogar zum Sex bereit, wozu es Mux aber nicht kommen lassen will, da dies "viel zwischen beiden zerstören könnte".
Er behandelt sie teilweise auch so, als wäre sie ein kleines Kind oder "befiehlt" ihr etwas, ohne sie nach ihrer eigenen Meinung zu fragen. Er sei ihr Mann des Lebens und das müsste sie jetzt akzeptieren. Soviel zu Mux' Meinung in Sachen Emanzipation.
Das Mäuschen verwandelt sich in eine Ratte
Doch nach und nach wird ihr Mux' Obsession zu viel. Wenn sie ihn in Berlin besuchen will, dann wandelt sich Mux' Bild von ihr. Denn seine Muse, sein reines Mäuschen Kira will plötzlich in einer Technodisko aufreizend tanzen, anstelle eines Antonioni-Videoabends mit Mux und Gerd. Wie soll Ritter Mux sie aber an einem solchen Ort beschützen? Kira will gar nicht von ihm beschützt werden, muss er erfahren. Zum ersten Mal wird Mux' Bild erschüttert. Die Folgen sind klar: Plötzlich rücken deutlich mehr Sexualstraftäter als Schwarzfahrer in den Mittelpunkt von Mux' Treiben. Noch in derselben Nacht wird ein Vergewaltiger gestellt. Fast so als könnte Mux damit nun Kira beschützen.
Daneben rechnet Mux und damit auch der Film vor allem mit der Gesellschaft ab. In Deutschland wird ein Mann verehrt, der nur schnell um Kurven fahren kann und vor den Steuern ins Ausland flüchtet. Nebenher schreitet die Volksverblödelung schon so weit voran, dass das x-te Buch von Dieter Bohlen wieder auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Das Fernsehen zeigt nur noch Abschaum und ist der Wegbereiter für das Übel, welches Mux bekämpfen will. In zwei Zappingsequenzen wird dies verdeutlicht. In einer schaltet Kira, gelangweilt auf dem Bett liegend, durch das Programm von Talkshow zu Talkshow, von Schwachsinn zu Schwachsinn. Mux kann sie zum Ausschalten bewegen. Den filmischen Höhepunkt stellt die zweite Szene dieser Art da. Wieder ein Zapping durch die TV-Landschaft, von Kerner, über Raab bis hin zu den Tagesthemen mit Ulrich Wickert. Die Szenen vermitteln durch den geschickten Zusammenschnitt alle den Eindruck, als wäre Mux der Stargast der Sendungen, mit Wickert führt er sogar ein Interview (was natürlich nie stattfand). Nichts was man sieht ist echt, weder die Talkshows im Fernsehen, noch die Interviews mit Mux im Film.
Der Film ist ironisch und sarkastisch, er bringt den Zuschauer vor allem zu Beginn auch zum Lachen, doch ein solches Lachen bleibt dem Zuschauer schnell im Hals stecken.
"Wenn ich Recht habe, dann können sich alle Roland Kochs, Dieter Bohlens, Stefan Raabs, all die Auslaufmodelle dieser Republik, warm anziehen!" sagt Mux am Ende des Films. Das stimmt, doch dazu auchen wir keinen Mux. Mux hat nämlich nicht nur psychopathische, sondern auch faschistische Züge. Als seine Firma expandiert hat, und einer seiner Mitarbeiter ihm den neuen Internettrailer vorstellt, dann wird mit der Macht des Mittels Film die Gesellschaft dazu aufgefordert, auch ein Muxianer zu werden, d.h. die Nachbarn zu bespitzeln und zu denunzieren. Wobei Mux das Wort "denunzieren" nicht hören will. Es meint zwar das Richtige, aber so hat es einen schalen Beigeschmack. Deswegen bekommt sein Webauftritt auch nicht die Adresse denunziant.com, sondern informant.com. Für Mux ist beides dasselbe.
Mittermeiers gerade mal 40.000 € teurer Film (schon am Eröffnungswochenende hat er ein vielfaches der Kosten eingespielt) zeigt zwar, dass vieles von Mux wahr ist. Die "Gesellschaft, in der wir unsere Ideale verloren haben", existiert, sie ist allgegenwärtig. Moralische Wertvorstellungen werden herabgeschraubt und vor zwanzig Jahren hätten sicher weniger die Rhein-Metall-Aktie gekauft, wenn herausgekommen wäre, dass die Firma mit Tretminen in Afghanistan Geld verdient. Heute steht der Profit im Vordergrund. Aber brauchen wir dazu einen Mux? Nein, ein bisschen Mux in jedem von uns würde genügen.
Der größte Fehltritt des weißen Ritters
Damit das auch jeder versteht, dass Mux nicht frei von Fehlern ist, machen Regisseur Mittermeier und Drehbuchautor Stahlberg ihren Mux auch zu einem Verbrecher. Als er mitbekommt wie Kira in einer dunklen Ecke des Rummels einem anderen Mann einen bläst, bricht seine Welt zusammen. Aus dem Engel ist für Mux eine Hure geworden. Unvermittelt schlägt es beim nächsten gemeinsamen Spaziergang der beiden über den Zuschauer herein. Sie lassen sich am See auf einer Parkbank nieder, die Wiese ist grün, die Sonne scheint, Kira kuschelt sich an die Schulter von Mux. Der zieht eine Pistole und jagt ihr eine Kugel durch den Kopf.
Mux denkt in den ersten Sekunden an Selbstmord, doch fängt sich dann wieder. Doch er hat an dem Tod seiner einzigen Liebe hart zu kämpfen.
Mux begräbt Kira in einem blauen Plastiksack außerhalb von Berlin in einer lebensfremden Sanddüne mit der Hilfe von Gerd. Das zeigt mal wieder Gerds Unfähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Er macht alles, was sein Chef befiehlt, egal ob es moralisch oder Totschlag ist. Hauptsache, er behält seinen Job, denn "in der Probezeit sitzt der Euro nicht sehr locker".
Figuren
"Mux ist ein junger Mann Anfang dreißig, der gerne große Denker zitiert und sich selbst auch für einen hält: für einen Idealisten, einen revolutionären Aufklärer in schwerer Zeit. Mux sieht die Welt als geschlossenes System, als ein Ganzes, in welche er alle anderen einordnet - zur Not auch mit Waffengewalt. Damit die Welt besser wird. Mux wird immer allein sein in seinem Kampf; aber man darf sich ihn nicht einsam vorstellen, denn er fühlt sich wohl in seiner Haut: Er ist gerecht. An seinem Wesen wird die Welt genesen. Davon ist er jedenfalls überzeugt. Und wäre er uns nicht so unheimlich, würde es uns in seiner Gegenwart nicht so kalt den Rücken herunterlaufen - Mux könnte uns fast sympathisch werden.
Gerd hat im Überlebenskampf schlechte Karten, eigentlich gar keine. Gerd ist der Inbegriff eines Menschen, der es in seinem Leben zu nichts geacht hat. Deswegen hat er sich auch eine Blockwartmentalität zugelegt, die beim Zuschauer ein Gefühl zwischen Mitleid und Ekel auslöst. Gerd ist eigentlich ein harmloser, herzensguter Mensch. Aber jetzt will er Karriere machen. Von Mux' Ideen versteht er wenig, um nicht zu sagen gar nichts. Gerd ist der Archetyp des Mitläufers: Er wird immer behaupten können, er habe von nichts gewusst. Seine Naivität hätte vielleicht sogar etwas Rührendes - wären da nicht seine Abgestumpftheit, mit der er sämtliche Befehle ausführt, und seine utalität, mit der er die Tritte nach unten weiter reicht.
Kira ist Serviererin in einem Gasthof, in dem sie eines Tages auf Mux trifft. Er versucht, sie zu überzeugen, dass er der Mann ihres Lebens ist - denn er sieht in ihr eine Ikone des Guten, Reinen und Schönen, seine holde Muse, die Sonne seines Systems: Kira ist für Mux sein Mäuschen; er möchte ihr Ritter sein, zu dem sie aufblicken kann. Doch wer hat sie je gefragt, ob sie überhaupt für jemand anderes eine Sonne sein oder zu einem Ritter aufblicken möchte? Anfangs fühlt sie sich noch geschmeichelt und amüsiert, dann ist sie zunehmend verwirrt - aber das mag Mux umso mehr." Quelle: www.mux-braucht-dich.de
Schauspieler
Jan Henrik Stahlberg ist für diese Rolle wie geschaffen, denn, außer das er das Drehbuch zum Film beisteuert, ingt er Mux äußerst realitätsnah herüber. Wie er pädagogische Maßnahmen verübt und wie er Gerd vor dem Täter dessen Psyche erklären zu versucht - einfach köstlich!
Fritz Roth hat ebenfalls eine Spitzenleistung abgegeben. Er wurde nicht ohne Grund für die Kategorie "Bester Nebendarsteller" beim Deutschen Filmpreis 2004 nominiert. Um Gerd darzustellen, muss man seine Artikulierungsfähigkeit enorm herunterschrauben und auch ständig bedeppert dreinschauen. Das hat Fritz Roth mit avour gemeistert.
Fazit
Ein sehenswerter Film, der sich nicht in eine Schublade ablegen läßt, der selbsternannte Ordnungshüter wie Kleinkriminelle arm aussehen läßt, nix wie hin ins Kino. Wer gerne Achterbahn oder Geisterbahn fährt, das Skurile liebt, der darf Mux nicht verpassen. Für mich einer der Filme des Jahres 2004.
palle Bilder © X-Verleih
Cinefreaks Wertung:
Fakten
| Originaltitel: | Muxmaeuschenstill |
| Land/Jahr: | Deutschland 2003 |
| Genre: | Drama |
| Regie: | Marcus Mittermeier |
| Drehbuch: | Jan Stahlberg |
| Musik: | Phirefones |
| Studio: | X-Verleih |
| FSK: | ab 16 |
| Länge: | 90 min. |
| Budget: | 40,000 |
| Deutschlandstart: | 22.07.2004 |
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